Gehen – eine Chance für Begegnung

Welche Chancen die Fortbewegungsart das Gehen birgt, hat unsere Kollegin Elisabeth gemeinsam mit anderen Teilnehmer_innen und den Veranstalter_innen von Dunya und Climate Walk im Wiener Auengebiet der Lobau erkundet und reflektiert.

Begegnungswalk in der Lobau

Um unseren neuen Sponsorpartner Climate Walk ein bisschen näher und vor allem die Menschen persönlich kennenzulernen, hat unsere Kollegin Elisabeth am Sonntag, 27.3.2022 am Begegnungswalk in der Lobau, dem Donauauengebiet im Südosten Wiens, teilgenommen. Die Veranstaltung, gemeinsam organisiert und geleitet von Climate Walk und Dunya, rückte die Reflexion der eigenen Beziehung zu Natur und die Begegnung mit anderen Teilnehmer_innen durch unterschiedliche Geh- und Wahrnehmungsübungen in den Fokus.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Nach einem kurzen Kennenlernen beim Nationalparkhaus wien-lobAU, starteten wir zu dreizehnt an diesem noch leicht bedeckten, aber verheißungsvoll warmen Frühlingssonntag in die verschlungenen Wege im Wiener Naturschutzgebiet. Die Vogel zwitscherten munter vor sich hin, und ich war für einen Sonntagmorgen bereits erstaunlich wach. Die ersten Gespräche über Wandererfahrungen, das Reisen oder auch Kunst & Natur ergaben sich, wie so oft im Gehen, locker und selbstverständlich. Ich selbst kenne die Lobau recht gut und komme, seit ich in Wien bin, recht häufig hier her.

Dieses Jahr war es mein erster Besuch in den Auen. Im Vergleich zu den anderen Frühlingsspaziergängen im Naturschutzgebiet, war die enorme diesjährige Trockenheit recht auffällig. Sie dürfte wohl auch Grund für die reduzierte Frühlingsoptik sein. Denn außer dem Dunkelgrün des Bärlauchs und vereinzelte Knospen und Leberblümchen, war kaum Grün zu entdecken. Der Wasserstand der Lacken war verhältnismäßig niedrig. Sofort begannen sich in meinem Hirn Vergleiche mit anderen Gegenden anzubahnen und tauschte mich mit anderen Teilnehmer_innen zu diesen Beobachtungen aus. Geist und Herz sinnierten über das Ausbleiben der frühlingshaften Saftigkeit und die reduzierte Vielfalt an Pflanzen, die, zumindest in meiner Erinnerung, diese Jahreszeit meist schon prägt hatte.

Nachdem wir über mäandernde Wegschleifen in die Welt der Lobau eingetaucht sind, gelangten wir an eine große offene und sehr dürre Wiese, die mehr an Steppe oder ein Savannengebiet als an die Wiener Lob-Au erinnerte.

In oder mit Natur sein?

Mit diesen ersten Wahrnehmungen versammelten wir uns als Gruppe in der Mitte dieser dürren Wiese. Nachdem wir uns zwar vereinzelt schon ein bisschen miteinander bekannt gemacht und das eine oder andere Thema angeschnitten hatten, war nun der Raum geöffnet, um mit allen Teilnehmer_innen in Begegnungen zu gehen. Ich war neugierig, wer sich hier eingefunden hatte. Mit welcher Motivation die anderen Teilnehmer_innen dabei waren, wie sie zu diesem Walk gefunden hatten.

Nach einer flockigen Vorstellungsrunde im Kreis erhielten wir Aufgabenstellungen auf einem A4 Zettel. Inspirationen, um unser aktuelles Hier-So-Sein wahrzunehmen, um das Gehen als Kontakt unserer Füsse mit dem Boden, als Akt der Wahrnehmung zuzulassen. In einem Punkt ging es darum, nach dem Austausch in der Gruppe hinzuspüren, wie sich die persönliche Wahrnehmung möglicherweise veränderte, wenn wir alleine ganz für und mit uns selbst am Weg waren. Wie fühlte sich das an? Mit 4 Fragen im Gepäck zerstreuten sich die Gruppe in alle Richtungen, und jedeR ging für ca. 50 Minuten alleine seiner Wege.

Unerwartete Erkenntnis

Ein unruhiges Kribbeln machte sich in mir breit und ich wartete mit dem Losstarten. Damit hatte ich definitiv nicht gerechnet. Denn der Grund war eine dezente Ungewissheit gegenüber dem gegebenen Zeitrahmen. Meinem Mobiltelefon bereits der Saft ausgegangen, was mich prinzipiell nicht störte, und meine Armbanduhr hatte ich in der Früh nicht gefunden. Wenn ich sonst, wie so oft und gerne alleine in den Bergen und den Wäldern unterwegs bin, macht es mir nichts aus, ohne Zeitmessung zu sein. Aber in der Gruppe war das Rücksicht aufeinander nehmen, was ja auch eine Art der Wertschätzung ist, durchaus ein Aspekt, bei dem ich das fühlte, dass ich diesem möglicherweise nicht so gut nachkommen zu können, wie ich das gerne wollte. Ich machte es zum Thema. Und, sowie in lösungsorientierten Gruppen dies oft der Fall ist, bei dem noch dazu das Wohl der Gruppe im Vordergrund steht, schlug Clara von Climate Walk vor, das Gurren einer Tauben nachzuahmen, um alle wieder „zusammenzutrommeln“. Dankbar für diese Uhrenkrücke machte ich mich auf meinen Weg. 

Fokus & Intensität

Wenn jeder Weg möglich ist, und alle Richtungen offen, welchen Weg schlage ich ein?

Ein kurzes Déjà-vu in diesem Moment des Losgehens katapultierte mich in das Thema der Verschränkung von Freiheit und Entscheidung. Während meine Beine sehr gemächlich einen Weg spurten, trabte mein Geist mit einer hinterher, denn er war noch beschäftigt von einer wilden Jagd der Gedanken und Assoziationen.

Sehr schnell jedoch übernahm die Intensität der Farben in der scheinbar monoton ockerfarbenen Landschaft die Führung und geleitete mich zu den winzigen, leuchtend roten Beeren an den noch winterdürren Ästen. Die Softbox am Firmament löste auf und wich einem eindringlichen Himmelblau. Die Sonne blitze herab und zeichnete die Konturen der Welt um mich herum wie mit Leuchtstift nach. Ich tauchte ein in ein rauschendes Farbenspiel und ein Karussell der Gestaltgebung. Sonnenstrahlen, eine Symphonie aus heiteren Vogelgeräuschen, die warmen Windböen, die bereits den Sommereinzug verkündeten. Romantisierte ich? War es vielleicht doch der aktuelle Saharasturm, der hier sein Post-it an meiner Wahrnehmungsmembran anbrachte? Eine Nachricht des Klimawandels?

Mein Fokus richtete sich auf die mir nächste Umgebung. Dazu musste ich nicht viel beitragen. Das passierte automatisch. Ich genoss es, mich ins Unterholz zu begeben, auf der Entdeckungsreise nach dem Lebendigen, das ich hier besuchen durfte. Gleich zu Beginn folgte ich den Bewegungen, die ich im Bärlauchmeer wahrgenommen hatte. Beinahe mit der Nase am Boden entdeckte ich eine kleine Spinne. Ich war mir sicher, sie hatte mich gespürt. Denn je näher ich kam, desto mehr fror sie in ihren Bewegungen ein. Da ich sie  nicht schrecken wollte, ließ ich ab und ging sachte den Boden berührend weiter. Vorbei an Inseln von Leberblümchen, dazwischen die haarsträubende Reste menschlicher Präsenz in Form von Müll. Mehr Müll als Leberblümchen.

Reminder to myself: Ich nahm mir vor, auf meine Spaziergänge und Wanderungen von nun an wieder auch Säcke zum Einsammeln von Müll mitzunehmen, zusätzlich zu den Säckchen für gesammelte Wildpflanzen.

Trotz des angekündigten Taubengurrens hatte ich diese dezente, innerliche Hyper-Wachsamkeit in mir, mich nicht komplett im Detail zu verlieren und stattdessen das Gefühl für Zeit in meinen Wahrnehmungshorizont einzuladen. Ich nahm auch eine rebellische Stimme in mir war, die da murrte „Jetzt bist du an deinem Sonntag endlich draußen, um von Bildschirm und Planung dich zu erholen, und jetzt willst du dich wirklich deswegen unter Druck setzen lassen?“

Während ich völlig fasziniert von der gewebeartigen Struktur einer Knospe in den Bann gezogen war, haben meine Gedanken ihre Muster weitergesponnen.

Wenn Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken Raum und Zeit bekommen…

Ich unterbrach den Tango zwischen meiner Innen- und Außenwelt und schob die anstehende Entscheidung für die weitere Route meiner „Ich-mit-mir“- und-„Ich-mit-der Natur“-Zeit und den zu berücksichtigenden Aufgaben in den Vordergrund. So quasi: natürlich priorisieren. Aber, so einfach wollte es nicht sein, denn schon blieb ich erneut bei einem Gedankengang hängen, als ich die nächste Inspiration auf dem Zettel las.

Was sind wir Menschen, wenn nicht Natur? Wenn wir Natur sind, wie können wir dann von Um-Welt reden?  Und wie kann es uns Menschen gleichzeitig so unbegreiflich sein, dass all das, was wir dem scheinbaren Außen zu fügen, nicht auch uns selbst betrifft?

Von einem Ort, der uns anzieht, uns fasziniert, sollten wir einen Gegenstand zurück zur Gruppe mitnehmen.

Dieser Ort war für mich ein alter Baumstamm, der gebrochen links und rechts von einem Weg lag, der sich durch die Gegend schlängelte. Ein schwarzes T-Shirt wehte wie eine Piratenflagge an einem Ast-Mast. Dieser Baum hatte definitiv schon etliche Jahre am Buckel, bevor er als im Boden Verwurzelter das Zeitliche segnete. Und wohl auch als vertikales Moment lag er da schon etwas länger. Seine Wirkung auf mich war beinahe magnetisch. Der eine Teil ragte wie eine Arche ins Schilfmeer hinein, währen an dem Stammesteil, das an Land weilte, sich Behausungen für Kolonien unterschiedlicher Lebewesen gebildet hatten. Etwas, das wie Erdklumpen aussah, schien mir ein Erdnest zu sein. Meine Biologiekenntnisse setzten an jenem Punkt definitiv aus. Ich knüpfte in fiktives Armband einen Erinnerungsknoten, einen reminder to myself, um diese Bildungslücke zu schließen.

Wieder sog mich das Szenario hinein in eine Makrowelt des Lebendigen. Des unglaublich Faszinierenden. Das Zusammenspiel aus Formen, Materialien, Farben und Bewegungen. Wo im vermodernden Ausrangierten das Neue entstand. Eine Herberge für Artenvielfalt.

Ist Erde nicht die beste Kombination aus Bindemittel und Lösungsmittel, die dazu noch eine Art leitende Qualität hat? Ein Erdklumpen hält Gräser, Wurzeln und so vieles andere zusammen. In den Zwischenräumen, die sich dadurch bilden, entstehen Wege, wo Tierchen sich fortbewegen, wo Elemente sich ausbreiten, vermengen und neue Verbindungen eingehen. Erde ist Reaktions- und Resonanzraum.

Ich konnte von hier keinen „Gegenstand“ zurück zur Gruppe mitnehmen, soviel war ganz klar. Also machte ich mich gemächlich, immer noch im Gewebe meiner Wahrnehmungen auf- und abtauchend, auf den Weg zurück zu den anderen. Am Rückweg entdeckte ich am Wegesrand einen kleinen Erdklumpen, der perfekt all meine Wahrnehmungen und Gedanken verkörperte. Er wollte mit.

Als alle wieder von ihren persönlichen Wegen zurückgekehrt waren, war eine Stimmung der Besonnenheit, der Dankbarkeit und einer gewissen Aufregung im Raum des Kreises. Viele hatten genug von der Zeit alleine, von dem ausschließlichen Austausch zwischen uns selbst und der Natur in Mitten der Lobau. Der Wunsch nach dem gemeinsamen Erleben mit Menschen war unüberhörbar. So kamen wir auch zur letzten, zur vierten Inspiration und Übung. Jeweils in Zweier-Paaren machten wir uns gemeinsam auf, um mittels Fragen und Actionanweisungen auf Karten nun zusätzlich als einander fremde Menschen miteinander in Begegnung zu gehen. Ich tat mich mit S. zusammen. Auf einem Baumstamm sitzend, ließen wir uns von den Karten inspirieren. S. zog gleich eine Actionkarte. Wir sollten barfuß unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten bewusst erkunden, spüren, wie sich unser Schritt veränderte, und wie sich der Boden auf unser Kälte- und Wärmeempfinden auswirkte. Es war so wunderbar wieder ohne Schutz und ohne Grenze auf der Erde zu wandeln, dass wir unsere Schuhe auch nach der Übung gleich gar nicht mehr anzogen.

Angeleitet von weiteren Karten, teilen wir unsere Gedanken zu positiven Zukunftsutopien, zum Zusammenspiel Mensch-Natur, und was wir glaubten, dass getan werden müsste, um diese Ideen real werden zu lassen.

Diese Art des Kennenlernens war so erfrischend jenseits von Small Talk und dem Ping Pong von Belanglosigkeiten. Es traf den Nerv dessen, was ich mir unter wahrer Begegnung vorstellte. S. und ich plauderten weiter, ließen uns nahe einer Auenlacke auf einem Baumstamm nieder und streckten unsere Beine ins erfrischende Nass. Bevor ich erfuhr, an welchem Ort dieser Welt sie geboren war und was ihr Beruf war, erfuhr ich, was sie mit Orten, die ihr wichtig waren, verband. Wenn wir von Herzen etwas austauschen, dann wird es zum Teilen.

Bei der finalen Austauschrunde in der gesamten Gruppe empfand ich große Dankbarkeit für diese sanfte, unprätentiöse Begleitung in eine Welt der Begegnung. Danke an die Ladies von Climate Walk und Sarah von Dunya, dafür, wie grandios ihr den Fokus vom Lauten und Spektakulären auf die feinen Nuancen ermöglicht habt.

Das gemeinsam Erlebte und miteinander Ausgetauschte wirkte noch lange nach. Es war ein auf vielen Ebenen nachhaltiger Begegnungswalk.

Dunya

Lebenswelten in Begegnung

Wer von euch inspiriert ist, Wien von einer anderen Seite zu erleben und in Wien lebenden Menschen zu begegnen, möchte ich Dunya sehr ans Herz legen. In verschiedenen Begegnungsprojekte bringt Dunya Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten einander näher, wandernd, gehend, schlendernd…

Nationalpark Haus der Lobau / Urheber: LOMIHAKA

Die Lobau

Nationalpark & Naherholungsgebiet

Die Lobau ist ein nördlich der Donau und großteils innerhalb, teilweise aber auch östlich Wiens gelegener Teil des Auengebietes der Donau, das sich am linken Donauufer zwischen Wien und der Mündung der March (Grenze zur Slowakei) erstreckt. Die Lobau ist rund 22 Quadratkilometer groß. Seit 1996 ist das Naturschutzgebiet Lobau Teil des Nationalparks Donau-Auen, seit 2004 auch Europaschutzgebiet und Europäisches Vogelschutzgebiet.

Als Naherholungsgebiet wurde die Lobau nach dem Ersten Weltkrieg beliebt. Man konnte damals mit der 1922 eröffneten Straßenbahnlinie 317 anreisen und hier ausgedehnte Wanderungen unternehmen und Badetage verbringen, ohne auf allzu viele Menschen zu stoßen. Auch heute erfreut sich die Lobau großer Beliebtheit. Unweit der Wiener Innenstadt ist die Lobau heute mittels mehrerer Buslinien erreichbar.

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